Mit 40 wird es Zeit für ein Rebalancing. Nicht im Depot, sondern im Leben.

  • Beitrag zuletzt geändert am:31. August 2026
  • Lesedauer:10 Min. Lesedauer
  • Beitrags-Kategorie:Erfahrungsberichte
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Vor einiger Zeit bin ich 40 geworden.

Eigentlich nur eine Zahl. Und trotzdem merke ich, dass sie etwas mit mir macht. Vielleicht liegt es gar nicht an der 40 selbst, sondern eher daran, dass gerade einige Dinge zusammenkommen.

Im vergangenen Jahr habe ich mir erstmals ein längeres Sabbatical genommen. Seit Ostern bin ich nun in Elternzeit. Insgesamt werden es rund eineinhalb Jahre sein. Die ersten Monate liegen also bereits hinter mir, gut ein Jahr noch vor mir.

Auf dem Papier mache ich damit gerade ziemlich genau das, worauf ich lange hingearbeitet habe:

Ich tausche Geld gegen Zeit.

Und trotzdem beschäftigt mich ausgerechnet jetzt immer häufiger eine Frage, von der ich dachte, dass ich sie längst beantwortet hätte:

Was will ich mit dieser Zeit eigentlich anfangen?

David von Jung in Rente an einem Bergsee während seiner Elternzeit im Sommer 2026
Sommer 2026: mitten in meiner Elternzeit und mit mehr Zeit als in den meisten Jahren zuvor.

Jahrelang war „mehr“ eine ziemlich einfache Antwort

Mein bisheriges Erwachsenenleben war stark von Zielen geprägt.

Mehr Verantwortung im Beruf. Mehr Einkommen. Mehr sparen. Mehr investieren. Mehr Vermögen. Mehr passive Einkünfte.

Und irgendwann: mehr Freiheit.

Das Schöne an solchen Zielen ist, dass sie sich wunderbar messen lassen. Ein Depotwert kennt keine Interpretationsspielräume. Entweder er ist gestiegen oder nicht.

Auch eine Sparquote lässt sich auf eine Nachkommastelle genau berechnen. Gleiches gilt für Dividenden, Zinseinnahmen oder Mieterträge. Das hat mir lange Zeit gefallen, denn ich wusste immer ziemlich genau, wo ich stand und wohin ich wollte.

Mit Mitte 40 finanziell frei sein. Nicht mehr arbeiten müssen, um meine laufenden Kosten zu decken.

Ein ziemlich konkretes Ziel.

Das Problem ist nur: Je länger ich diesen Weg gehe, desto weniger glaube ich daran, dass sich ein gutes Leben ähnlich präzise berechnen lässt wie die Rendite eines ETF.

Was passiert, wenn „mehr“ irgendwann nicht mehr automatisch „besser“ bedeutet?

Ich möchte nicht missverstanden werden. Geld ist mir weiterhin wichtig. Vermutlich sogar mehr als vielen anderen Menschen.

Aber aus einem anderen Grund als früher.

Mich reizt längst nicht mehr hauptsächlich die Vorstellung, eine möglichst große Zahl auf irgendeinem Konto oder in einem Depot stehen zu haben. Was mich daran interessiert, ist das, was dieses Geld möglich macht:

Zeit.

Unabhängigkeit.

Entscheidungsfreiheit.

Die Möglichkeit, auch einmal Nein sagen zu können. Oder Ja zu etwas, das wirtschaftlich vielleicht vollkommen unvernünftig ist, mir persönlich aber wichtig erscheint.

Genau deshalb war mein Sabbatical für mich so spannend. Und genau deshalb ist auch meine aktuelle Elternzeit für mich weit mehr als einfach nur eine längere Pause vom Beruf.

Beides kostet mich Einkommen. Beides wirft meine ursprüngliche Finanzplanung zumindest ein Stück weit zurück. Und trotzdem fühlen sich diese Entscheidungen keineswegs wie Rückschritte an.

Vielleicht habe ich einfach irgendwann angefangen zu begreifen, dass der Sinn finanzieller Freiheit nicht darin besteht, möglichst schnell finanziell frei zu werden.

Sondern darin, möglichst viel Freiheit aus dem eigenen Leben herauszuholen.

Vielleicht braucht nicht mein Depot ein Rebalancing

Beim Investieren ist Rebalancing ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang. Verschieben sich die Gewichtungen innerhalb eines Portfolios zu stark, stellt man die ursprünglich gewünschte Verteilung wieder her.

Und in letzter Zeit frage ich mich immer häufiger:

Warum machen wir das eigentlich nicht auch mit unserem Leben?

Auch dort gibt es schließlich verschiedene Positionen: Arbeit, Familie, Freunde, Gesundheit, Geld, Erlebnisse, eigene Projekte, Neugier.

Und natürlich all die Dinge, die sich keiner vernünftigen Kategorie zuordnen lassen und trotzdem Freude machen.

Bei jedem Menschen sind diese Positionen anders gewichtet. Und ihre Gewichtung verändert sich im Laufe des Lebens.

Was mit 25 perfekt gepasst hat, muss mit 40 nicht mehr richtig sein. Das bedeutet auch gar nicht, dass die damalige Entscheidung falsch gewesen sein muss.

Vielleicht hat sich schlicht das eigene Leben verändert.

Oder man selbst.

Mein Leben war lange ziemlich stark auf die Zukunft ausgerichtet

Ich habe jahrelang einen erheblichen Teil unseres Einkommens gespart und investiert. Das Prinzip dahinter war simpel:

Heute etwas verzichten, um morgen mehr Freiheit zu haben.

Ich halte das nach wie vor für einen sehr vernünftigen Tausch. Nur hat dieser Tausch einen Haken.

Man kann ihn übertreiben.

Denn irgendwann besteht die Gefahr, dass aus dem Aufschieben von Konsum ein Aufschieben von Leben wird.

Noch dieses Projekt.

Noch dieses Jahr.

Noch diese Karrierestufe.

Noch 100.000 Euro mehr im Depot.

Dann wird es ruhiger. Dann nehme ich mir mehr Zeit. Dann reisen wir länger. Dann kümmere ich mich mehr um die Dinge, die mir eigentlich wichtig sind.

Nur lässt sich Zeit leider nicht ansparen.

Ich kann Geld, das ich mit 40 nicht ausgebe, mit 50 noch verwenden. Mit einem Sommer, den ich mit meinen Kindern nicht verbringe, funktioniert das nicht.

Das Sabbatical hat mir nicht alle Antworten geliefert

Ich wäre gerne in der Lage zu schreiben, dass mein Sabbatical sämtliche Fragen beantwortet hätte.

Hat es aber nicht.

Vielleicht war das auch eine etwas naive Erwartung. Ein paar Monate Abstand vom normalen Arbeitsalltag verwandeln einen schließlich nicht automatisch in einen Menschen, der plötzlich genau weiß, was er vom Rest seines Lebens erwartet.

Im Gegenteil: Manchmal entstehen durch mehr Freiheit zunächst einmal mehr Fragen.

Was möchte ich eigentlich arbeiten? Wie viel davon? Welche Rolle soll Geld künftig noch spielen? Welche Projekte interessieren mich wirklich?

Welche Dinge mache ich nur noch, weil ich sie schon immer gemacht habe? Und was würde ich ausprobieren, wenn ich keine Angst davor hätte, damit grandios zu scheitern?

Auf manche dieser Fragen habe ich inzwischen Antworten. Auf andere überhaupt nicht.

Und erstaunlicherweise finde ich das gar nicht mehr so schlimm.

Scheitern gehört inzwischen für mich dazu

Vielleicht ist das eine der angenehmeren Erkenntnisse, die mit dem Älterwerden kommen: Nicht jede Idee muss funktionieren. Nicht jedes Investment geht auf. Nicht jedes Projekt entwickelt sich so, wie man es ursprünglich erwartet hat.

Nicht jede Gewohnheit bleibt hängen. Und nicht jedes Ziel, das man sich irgendwann einmal gesetzt hat, muss bis zum bitteren Ende verfolgt werden.

Früher hätte ich so etwas wahrscheinlich schneller als Scheitern empfunden. Heute sehe ich vieles eher als Experiment.

Man probiert etwas aus, schaut, was passiert, lernt daraus und entscheidet anschließend neu.

Eigentlich nicht viel anders als beim Investieren.

Eine Strategie ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist die Bereitschaft, neue Informationen zu akzeptieren.

Warum sollte das im restlichen Leben anders sein?

Fünf Fragen, die ich mir mit 40 stelle

Ich habe deshalb nicht vor, mir nun den nächsten perfekten Zehnjahresplan zu basteln. Stattdessen versuche ich gerade, mir einige unangenehm einfache Fragen zu beantworten:

  1. Welche Teile meines heutigen Lebens würde ich genauso noch einmal wählen? Nicht weil sie vernünftig sind oder von mir erwartet werden, sondern weil ich sie wirklich haben möchte.
  2. Welche Dinge mache ich hauptsächlich deshalb weiter, weil ich irgendwann einmal damit angefangen habe? Ein einmal eingeschlagener Weg ist schließlich kein Vertrag fürs Leben.
  3. Wo optimiere ich noch Zahlen, obwohl eine Verbesserung dieser Zahlen mein Leben kaum noch verbessert? Gerade für jemanden, der gerne misst, vergleicht und rechnet, ist das vermutlich eine der schwierigsten Fragen.
  4. Wie sieht ein richtig guter ganz normaler Tag für mich aus? Kein Urlaubstag am anderen Ende der Welt. Kein außergewöhnliches Erlebnis. Sondern ein Dienstag oder Donnerstag, an dem eigentlich überhaupt nichts Besonderes passiert.
  5. Was würde ich gerne ausprobieren, wenn ein Scheitern ausdrücklich erlaubt wäre? Denn wahrscheinlich gibt es nur wenige interessante Lebenswege, bei denen vorher feststeht, dass sie funktionieren.

Auf keine dieser Fragen erwarte ich endgültige Antworten. Aber allein sie regelmäßig zu stellen, verändert bereits meinen Blick auf manche Dinge.

Ich möchte nicht die „beste Version meiner selbst“ werden

Solche Formulierungen begegnen mir inzwischen ständig. Man soll produktiver werden, disziplinierter, gesünder, erfolgreicher, fokussierter.

Im Grunde soll aus jedem Menschen irgendwann die maximal optimierte Version seiner selbst werden.

Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt möchte.

Vielleicht reicht mir eine Version meines Lebens, die einfach besser zu mir passt.

Eine, in der nicht jede Stunde produktiv sein muss. In der ein Projekt auch dann sinnvoll sein kann, wenn es kein Geld verdient. In der Zeit mit meiner Familie keinen messbaren Return on Investment benötigt.

Und in der ich mir erlauben kann, Dinge auszuprobieren, deren Ausgang vollkommen offen ist.

Das klingt banal. Für jemanden, der einen großen Teil seines Lebens gerne geplant und optimiert hat, ist es das allerdings nicht unbedingt.

Meine Elternzeit ist deshalb auch ein Experiment

Seit Ostern erlebe ich nun, wie sich mein Alltag verändert, wenn der Beruf über einen langen Zeitraum deutlich weniger Raum einnimmt.

Natürlich geht es bei der Elternzeit in erster Linie um meine Familie und die gemeinsame Zeit. Aber zwangsläufig verändert sich dabei auch mein eigenes Leben.

Und genau das finde ich spannend.

Was fehlt mir aus meinem bisherigen Arbeitsalltag? Was vielleicht überraschend wenig? Welche Projekte ziehen mich plötzlich an?

Welche bisherigen Prioritäten verlieren an Bedeutung? Und wie möchte ich anschließend eigentlich weiterleben?

Ein paar erste Antworten darauf habe ich inzwischen. Für ein abschließendes Urteil ist es aber noch viel zu früh.

Vielleicht komme ich am Ende dieser Elternzeit zu dem Ergebnis, dass mir mein bisheriges Berufsleben stärker fehlt als gedacht. Vielleicht möchte ich danach wieder Vollgas geben.

Vielleicht auch nicht.

Beides wäre für mich inzwischen vollkommen in Ordnung.

Denn genau dafür wollte ich doch immer finanziell unabhängiger werden: um Entscheidungen nicht ausschließlich danach treffen zu müssen, welche Variante finanziell am meisten einbringt.

Finanzielle Freiheit ist für mich deshalb nicht weniger wichtig geworden

Mein ursprüngliches Ziel hat sich damit nicht erledigt.

Ich möchte weiterhin den Punkt erreichen, an dem meine Familie und ich unsere laufenden Kosten nicht mehr zwingend aus Arbeitseinkommen finanzieren müssen.

Nur verstehe ich heute besser, warum ich dieses Ziel überhaupt erreichen möchte.

Früher stand am Ende meines Weges gedanklich häufig die Rente. Heute steht dort eher eine Möglichkeit.

Die Möglichkeit weiterzuarbeiten. Weniger zu arbeiten. Etwas vollkommen anderes zu machen. Ein eigenes Projekt zu verfolgen.

Mehr Zeit mit Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind. Oder auch einmal für längere Zeit überhaupt keinen Plan zu haben.

Finanzielle Freiheit schreibt mir nicht vor, welches Leben ich führen soll. Sie vergrößert lediglich die Zahl der Leben, zwischen denen ich wählen kann.

Und vielleicht ist genau das ihr größter Wert.

Mit 40 fange ich also nicht noch einmal von vorne an

Dazu gefällt mir vieles in meinem Leben viel zu gut.

Ich habe auch nicht vor, mein komplettes Leben innerhalb eines Tages zu verändern. Und schon gar nicht glaube ich daran, irgendwann einen Zustand zu erreichen, in dem plötzlich alles perfekt austariert ist.

Aber ich möchte künftig häufiger überprüfen, ob die Gewichtungen noch stimmen.

Was nimmt gerade sehr viel Raum ein? Was zu wenig? Welche Position möchte ich ausbauen? Und welche darf langsam kleiner werden?

Ein Rebalancing eben.

Nur dieses Mal nicht bei meinen ETFs.

Sondern bei etwas wesentlich Wertvollerem.

Meiner Zeit.

Und jetzt würde mich interessieren: Wenn dein Leben ein Portfolio wäre, welche Position wäre momentan viel zu hoch gewichtet und von welcher würdest du gerne deutlich mehr besitzen?

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Über David

David ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Der Diplom-Kaufmann ist seit 2012 in einer großen Unternehmensberatung tätig und dort seit 2018 Prokurist.

Auf Jung in Rente berichtet er seit 2017 über seinen Weg zur finanziellen Freiheit. 

2022 gründete er außerdem die gemeinnützige Naturschutzorganisation Wilde Wälder, die heimische Wälder erwirbt und deutschlandweit neue Wildnisinseln schafft.

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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und gibt meine persönliche Einschätzung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Er berücksichtigt weder deine persönlichen Anlageziele noch deine finanzielle Situation, Kenntnisse oder Risikobereitschaft und stellt keine individuelle Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar.

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Dieser Beitrag hat 14 Kommentare

  1. Daniel

    Hallo David,

    ich hab die letzten Jahre immer mal wieder auf deine Website geschaut, auch so manchen Impuls mitgenommen. Danke! Die durch das „Rebalancing des Lebens“ aufgeworfene Frage ist ja auch: Wofür lebe ich eigentlich? Was ist wichtig und bedeutsam? Ich hab für mich da die Antwort im christlichen Glauben gefunden. Meine Hoffnung liegt in Jesus. Dass er gelebt hat und am Kreuz gestorben ist, ist historisch gesichert. Dass er auferstanden ist, ist historisch überaus plausibel. Das ist für mich entscheidend. Ich bin überzeugt, dass ich als Mensch, der ein Geschöpf Gottes ist, meine letzte Erfüllung eben in der Beziehung zu Gott finde. Ich hab für mich in Jesus Identität, Sinn, Leben und Perspektive gefunden. Andere Dinge sind deshalb nicht unwichtig, aber doch in gewisser Weise nachgeordnet. Das verändert auch meinen Umgang mit Geld: Mir ist deshalb nicht nur wichtig zu sparen, sondern auch zu geben. Und ich hab den Eindruck: Ich werde dadurch nicht ärmer, sondern reicher. Inwiefern unser Depot uns in 25 Jahren mal hilft – wer weiß es… Ich will auch nicht auf einen Tag X in der Zukunft hinleben. Mein Leben beginnt jetzt. Soviel mal ein paar Gedanken meinerseits. Dir ein weiter gutes Nachdenken

    1. Jung in Rente

      Danke dir, Daniel, für deinen sehr persönlichen Kommentar und auch dafür, dass du deine Perspektive hier so offen teilst.

      An der Frage „Wofür lebe ich eigentlich?“ bin ich tatsächlich schon vor längerer Zeit hängen geblieben. Und auch die Frage nach der eigenen Endlichkeit gehört für mich unweigerlich dazu. Eine abschließende Antwort darauf habe ich für mich nicht gefunden. Vielleicht ist genau das auch ein Grund, weshalb mich diese Fragen so intensiv beschäftigt haben und teilweise bis heute beschäftigen.

      Interessanterweise hat mir gerade diese Auseinandersetzung trotzdem sehr geholfen. Weniger deshalb, weil ich irgendwann die große Antwort gefunden hätte, sondern weil ich dadurch stärker darüber nachgedacht habe, was für mich selbst wirklich wichtig ist und welchen Einfluss äußere Erwartungen, klassische Lebensentwürfe oder irgendwelche vermeintlichen Erfolgsmaßstäbe darauf haben sollten.

      Dass du für dich im christlichen Glauben eine so klare Orientierung gefunden hast, kann ich daher gut nachvollziehen, auch wenn mein eigener Weg ein anderer ist.

      Deinen Satz „Mein Leben beginnt jetzt“ finde ich dabei besonders treffend. Genau darin steckt für mich auch ein Teil des Rebalancing-Gedankens. Für später vorzusorgen ist wichtig. Aber irgendwann sollte das Heute nicht nur die Vorbereitungsphase für ein vermeintlich besseres Morgen sein.

      Danke für diesen zusätzlichen Blickwinkel!

  2. Stephan

    Moin,
    ich habe Deinen Artikel sehr sehr gerne gelesen. Eins ist mir jedoch aufgefallen: Du redest sehr viel von Dir. Jeder zweite Satz fängt gefühlt mich „Ich“ an. Mir persönlich fehlt da etwas das „Wir“.
    Und ich glaube genau darin liegt auch Deine Lösung. Was wollen und brauchen Deine Kinder und Deine Frau? Deine Familie? Du redest weiter über Projekte aber gehst in keinem Satz auf die Vaterfreuden ein. Du fokussierst Dich weiterhin überwiegend auf Dich selbst (so liest es sich) und drehst Dich um Deine eigene Achse. Du änderst so zwar Deinen Blickwinkel, aber nicht Deine Perspektive.

    1. Jung in Rente

      Danke dir, Stephan, für deinen ausführlichen Kommentar.

      Dass der Artikel stark aus meiner Ich-Perspektive geschrieben ist, stimmt. Das ist allerdings auch ganz bewusst so. Ich schreibe darin über meine Gedanken, meine Fragen und darüber, wie sich mein eigener Blick auf Arbeit, Geld, Zeit und das Leben verändert hat.

      Das bedeutet aber nicht, dass die Entscheidungen dahinter genauso „ich-bezogen“ getroffen werden. Sabbatical, Elternzeit, finanzielle Planung und die Frage, wie wir unseren Alltag gestalten, sind bei uns natürlich gemeinsame Themen und Entscheidungen innerhalb der Familie.

      Ich möchte in einem persönlichen Artikel allerdings nur für mich selbst sprechen. Was meine Frau denkt, was sie sich wünscht oder wie meine Kinder bestimmte Dinge empfinden, möchte ich ihnen nicht öffentlich in den Mund legen.

      Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil der unterschiedlichen Wahrnehmung. Für mich ist das „Wir“ im Alltag sehr präsent und selbstverständlich. Im Text sieht man davon zwangsläufig weniger, weil ich dort meine eigene Perspektive beschreibe.

      Dass ich über eigene Projekte und persönliche Fragen schreibe, heißt für mich deshalb auch nicht, dass Familie oder Vatersein weniger wichtig wären. Sie sind schlicht nicht in jedem Absatz das Thema.

      Dein Kommentar zeigt mir aber, dass dieser Zusammenhang für Außenstehende offenbar nicht automatisch so sichtbar ist, wie er für mich selbst erscheint. Das finde ich als Rückmeldung durchaus interessant.

  3. Julian

    Hallo David,

    danke für diesen sehr persönlichen Artikel. Ich bin zwar erst 38 aber trotzdem lädt er an der ein oder anderen Stelle zu nachdenken ein.

    Ein Satz ist mir dabei besonders hängen geblieben: „Nur lässt sich Zeit leider nicht ansparen“.

    1. Jung in Rente

      Danke dir, Julian! Freut mich sehr, dass gerade dieser Satz hängen geblieben ist.

      Der Gedanke begleitet mich tatsächlich schon eine ganze Weile. Vermögensaufbau kann man verlangsamen und später auch wieder beschleunigen. Bei Zeit funktioniert das leider nicht.

      Und je bewusster mir das wird, desto mehr beeinflusst es auch die Frage, welchen Dingen ich im Leben wie viel Raum geben möchte.

  4. Christian

    Du hast einen wirklich hervorragenden Artikel geschrieben, in sehr vielen Dingen und Fragen habe ich mich auch wieder gefunden. Ich bin jetzt 44 (2 Kinder) und stelle mir diese Fragen schon seit rund fünf Jahren.

    In den 20ern war mein Ziel, einen guten Berufsabschluss zu machen und die Karriere zu starten. In den 30ern war das Ziel ein Eigenheim zu bauen und Familie zu gründen. Und jetzt in den 40ern herrscht irgendwie Leere, was große Lebensziele oder ein großes Rebalancing im Leben angeht.
    Ich denke es ist die Midlife Crisis. Ich habe auch wenig Antworten gefunden. Erwerbsarbeit gibt mir jedenfalls immer weniger „Rendite“, das wäre eine Position die zu hoch gewichtet ist. Alte Hobbies versuche ich aktuell ganz langsam wieder höher zu gewichten.

    Bei deinem Artikel frage ich mich allerdings, warum der Beruf erst jetzt mit der Elternzeit seit Ostern weniger Raum einnimmt. Wie unterscheidet sich die Elternzeit vom Sabbatical? Ist es wirklich ein neues Experiment?
    Eine Finanzplanung für diese beiden langen Auszeiten würde mich auch interessieren. Ich wüsste nicht wie ich 2,5 Jahre (?) Auszeit finanzieren sollte ohne Kapitalverzehr aus meiner Altersvorsorge. Zwar möglich, aber die Angst vor dem Pleiterisiko ließe mich eine Auszeit nicht mehr genießen.
    Bei der Gelegenheit bedanke ich mich auch für deine transparenten Zahlen, die du hier regelmäßig veröffentlichst!

    1. Jung in Rente

      Danke dir, Christian! Deine Einteilung in 20er, 30er und 40er finde ich ziemlich spannend. In den ersten beiden Jahrzehnten gibt es tatsächlich einige große Ziele, die fast schon auf der Hand liegen. Ausbildung, Beruf, Familie, gegebenenfalls Eigenheim. Und irgendwann wird es dann weniger eindeutig.

      Ob man diese Leere gleich Midlife Crisis nennen muss, weiß ich nicht. 😄 Aber dass die Frage „Und was jetzt?“ irgendwann stärker wird, kann ich inzwischen ziemlich gut nachvollziehen. Dass du Erwerbsarbeit gerade niedriger und alte Hobbys wieder höher gewichtest, passt ja ziemlich genau zu dem Rebalancing-Gedanken.

      Zu deiner Frage: Der Beruf nimmt bei mir natürlich nicht erst seit Ostern weniger Raum ein. Das Sabbatical im vergangenen Jahr war bereits ein ziemlich bewusster Bruch mit dem normalen Arbeitsalltag. Die Elternzeit fühlt sich für mich trotzdem anders an. Sie ist deutlich länger und viel stärker mit unserem ganz normalen Familienalltag verbunden.

      Das „Experiment“ besteht für mich also weniger darin, überhaupt einmal nicht beziehungsweise weniger zu arbeiten. Mich interessiert vielmehr, was mit meinen eigenen Prioritäten passiert, wenn der Hauptberuf über einen wirklich langen Zeitraum nicht mehr den Takt für einen großen Teil meines Lebens vorgibt.

      Und die Finanzierungsfrage ist absolut berechtigt. Ich kann auch gut nachvollziehen, dass eine längere Auszeit wenig entspannt wäre, wenn man dabei ständig das Gefühl hätte, die eigene Altersvorsorge aufzubrauchen oder die finanzielle Sicherheit zu gefährden.

      Wie wir Sabbatical und Elternzeit finanziell geplant haben, welche Rolle Liquidität, laufende Einnahmen und Vermögen dabei spielen und was diese Auszeiten am Ende tatsächlich „kosten“, wäre wahrscheinlich tatsächlich Stoff für einen eigenen Artikel. Den Gedanken nehme ich auf jeden Fall mit.

      Und danke auch für dein Feedback zu den transparenten Zahlen. Freut mich, dass genau das weiterhin geschätzt wird. 🙂

  5. Michael

    Hi David,
    ich finde deinen Bericht, und die Sichtweise, echt interessant und spannend.
    Für mich ist es immer die Mischung aus allem die wichtig ist, die Priorisierung der Themen schreibt oft das Leben und diese kann man sich nicht immer aussuchen.
    Rückwärts auf mein Leben geschaut würde ich sagen das wichtigste für mich war und ist das „flexibel sein und bleiben“ um die schwierige Passagen des Lebens zu „umschiffen“. Vieles kann man planen mit Zahlen (das mache ich auch sehr gerne), sich überlegen was man gerne machen möchte, was spannend ist, aber leider kommt es auch schon mal unverhofft zu nicht ganz so schönen Dingen im Leben, und da kannst du all die geplanten Zahlen über den Haufen werden. Da ist es auf einmal wichtiger gute Kollegen zu haben die deine Arbeit mitmachen und dir den Rücken frei halten, Freunde und Verwandte die dir helfen und Halt geben können.
    Ich sage immer: „Alles hat seine Zeit!“, natürlich sind die Prioritäten in jeder Altersstufe anders.
    Wenn eine „0“ im Geburtstag steht schaut man zurück wie es gelaufen ist und wie wird/soll es in Zukunft so laufen. Ist doch super wenn man diese Selbstreflexion hat und auch andere (insbesondere die Familie) daran teilhaben lässt.
    Das du dir diese 5 Fragen stellst zeigt mir das du dich sehr bewusst mit deinem Leben auseinander setzt, leider kenne ich auch viele Menschen die keine dieser Fragen überhaupt auf dem Schirm haben.
    Bei mir ist es so das ich schon einen Schritt weiter bin, seit Freitag (14.8.26) bin ich in passiver ATZ, sprich raus aus meinem normalen Arbeitsleben, ob das jetzt eine Herausforderung wird kann ich (noch) nicht sagen, ich denke eher nicht, da ich einen Plan habe, ob der so funktioniert wird sich zeigen, wenn nicht werde ich flexibel bleiben und schauen was sonst noch so spannend sein kann.

    In diesem Sinne bleib gesund, offen, respektvoll, Mensch…

    1. Jung in Rente

      Danke dir, Michael, für den ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar!

      Den Gedanken mit der Flexibilität finde ich besonders wichtig. Ich plane selbst gerne mit Zahlen und verschiedenen Szenarien. Aber am Ende zeigt das Leben eben regelmäßig, dass sich längst nicht alles planen lässt. Und dann merkt man schnell, dass Rücklagen zwar helfen, aber Menschen, auf die man sich verlassen kann, mindestens genauso wichtig sind.

      „Alles hat seine Zeit“ passt für mich deshalb ziemlich gut zu dem, was ich gerade selbst versuche. Nicht überall dauerhaft dieselbe Gewichtung festschreiben, sondern je nach Lebensphase neu schauen, was gerade wichtig ist. Vielleicht ist genau das am Ende die sinnvollste Form von Rebalancing.

      Und Glückwunsch zur passiven ATZ! Das ist ja nochmal ein ganz eigener Übergang. Klingt aber so, als wärst du dafür ziemlich gut aufgestellt. Und falls dein Plan am Ende doch nicht genauso funktioniert wie gedacht, passt dein eigener Ansatz ja perfekt: flexibel bleiben und schauen, was als Nächstes spannend ist.

      Dir alles Gute für diesen neuen Lebensabschnitt und vor allem viel Freude dabei! 🙂

  6. Jj

    Hatte zunächst ähnliche Gedanken wie Martin, aber sehr viel abgeschwächter, auch weil ich keine Hintergründe zur familiären Situation und co kenne!

    Tatsächlich würde ich mit Handkuss meinen Mann 24:7 daheim willkommen heißen, weil wir danach ein kleines Schloss statt einem älteren Haus, einen vollständig renovierten T4 und das leckerste Essen der Welt jeden Abend hätten genauso wie vollständig ausgelastete Kinder die mit Papa täglich ausdauernde Radtouren unternehmen.. das wären sehr viele wins die nichts mit Geld verdienen zu tun haben. Vielleicht sehe ich das als Frau differenzierter weil ich auch die Care Arbeit anders zu schätzen weiß und die Anstrengungen die dahinter stehen.
    Ich weiß nicht was David im Moment ‚einbringt’, aber jeder Mensch hat Fähigkeiten die er zB seinen Kindern beibringen kann und die eine Erleichterung oder einfach ein schöneres und leichteres Miteinander im Alltag bedeuten! Ganz oft sind diese Dinge eben nicht numerisch aufzuführen.

    Was mich mehr beschäftigt hat waren die 5 Fragen, sehr gute waren darunter. Ich selber plane und schiebe ständig Zahlen auf meinem Excel sheet rum, war auch über 10 Jahre bei einem der Big4 und irgendwie lassen einen manche Gewohnheiten und Eigenheiten nie ganz los. Ich hab bewusst die Entscheidung zu einem anderen Unternehmen zu gehen getroffen und auch lieber TZ statt VZ, Nachmittage für die Kids! Mehr Zeit als Paar ist auch prio geworden über einige Ehrenämter die ich während College Zeiten begonnen habe. Rebalancing ist super wichtig! Guter Anstoß das aufs Leben genauso anzuwenden wie aufs Depot 👍

    1. Jung in Rente

      Danke dir für deinen ausführlichen Kommentar!

      Gerade dein Punkt, dass sich längst nicht alles numerisch erfassen lässt, trifft bei mir einen Nerv. Bei Vermögen, Einkommen oder Sparquote ist es einfach: Man kann alles messen, vergleichen und in irgendeine Excel-Tabelle packen. Bei Zeit mit der Familie, Entlastung im Alltag oder ganz allgemein einem entspannteren Familienleben funktioniert das eben nicht. Wertvoll kann es trotzdem sein.

      Und beim Excel-Sheet musste ich tatsächlich schmunzeln. Nach vielen Jahren Beratung fällt es mir ebenfalls ziemlich leicht, Dinge in Zahlen, Zielen und Optimierungspotenzialen zu betrachten. Vielleicht gefällt mir gerade deshalb der Gedanke des Rebalancings so gut.

      Ich möchte das Planen und Optimieren auch gar nicht komplett ablegen. Ich merke nur immer mehr, dass es mir nicht darum geht, in einzelnen Bereichen das Maximum herauszuholen. Weder beim Vermögen noch bei Karriere oder Freizeit. Viel spannender finde ich inzwischen die Frage, welche Mischung aus Arbeit, Familie, finanzieller Sicherheit, eigenen Projekten und freier Zeit für mich insgesamt am besten passt.

      Deine Entscheidungen für Teilzeit, mehr Zeit mit den Kindern und mehr Paarzeit passen für mich genau dazu. Die richtige Gewichtung kann bei jedem anders aussehen und sich mit der Zeit eben auch verändern.

      Und freut mich sehr, dass dich gerade die fünf Fragen zum Nachdenken gebracht haben. Mich beschäftigen einige davon selbst noch ziemlich. 🙂

  7. Martin

    Interessanter Beitrag und Gedanken zumal wir in einer ähnlichen Situation sind (40, verheiratet, zwei Kinder).

    Ihr seid wie wir grundsätzlich in einer extrem privilegierten Situation. Alles First World Problems.
    Manchmal frage ich mich, ob euch das wirklich bewusst ist.

    Für mich ist das insgesamt eine zu egoistische Perspektive. Ich lese im Grunde nur ICH ICH ICH.

    Was ist eigentlich mit den Interessen deiner Frau und der Situation deiner Kinder?
    Hat sie als Ärztin auch die Gelegenheit, ein Sabbatical zu machen und auf gut Deutsch zuhause zu sitzen?
    Eine Auszeit ist schön (für mich wäre es nicht weil ich mit der Rückkehr in den Job in ein tiefes Loch fallen würde oder in eine Depression).

    Für uns ist es unvorstellbar, gar nicht zu arbeiten.
    Wir wollen uns auch intellektuell herausfordern, weiter entwickeln und vor allem sozial vernetzen.
    Es ist für uns eine schreckliche Vorstellung, immer zuhause zu sein.

    Und mal ehrlich: Eure Kinder sind schon größer, gehen in die Kita oder Schule, sind schon sehr selbstständig.
    Die Schule geht bis mindestens 14.00 Uhr.
    Vor 15.00 Uhr sind die Kids selten zuhause selbst wenn sie nicht im Hort sind.
    Dafür braucht man als Vater doch keine Elternzeit ohne irgend einen Job. Das lässt sich doch wunderbar wie bei uns im Rahmen der Work Life Balance abdecken gerade wenn man auch im Home Office arbeitet.
    Ist das nicht der Fall, sollte man eher den Job wechseln oder über Teilzeit nachdenken.

    Wie finanziert ihr deine lange Auszeit?
    Auch zum Teil auf Kosten deiner Frau, auch wenn es in einer Ehe nur ein UNSER gibt)?
    Muss sie abgesehen von der Elternzeit immer Vollzeit arbeiten, während du zuhause bist?
    Welche Flexibilität hat sie als Ärztin?
    Ist auch sie es, die hauptsächlich eure Immobilien finanziert denn dein Vermögen ist ja weit entfernt von finanzieller Freiheit oder geht das immer 50:50?

    Klar bist du zuhause sicher ein Unterstützungs- und Entlastungsfaktor für deine Frau aber für mich ist das alles gefühlt recht einseitig auf deine Position und Interessen ausgerichtet aber wenn sie den Weg mit trägt. Bei Kleinkindern ok oder mal um den Urlaub zu verlängern aber 1,5 – 2 Jahre Auszeit während meines Frau voll arbeiten muss, würde sie nie mit machen.

    Wir reisen auch viel, haben trotz Vollzeit viel Zeit möglich unseren Kindern in der Woche und am Wochenende und genießen die vielen Stunden Tag für Tag mit ihnen wie die Großeltern natürlich auch.

    Unser EFH oder die Depots (gerade Dividenden) verschönern ja auch jetzt schon unser Leben und nicht erst oder ausschließlich morgen und ermöglichen und auch heute schon immer mehr Flexibilität (z.B. Teilzeit ab Mitte 40, ginge auch heute schon aber bringt wenig).

    Ich nehme einige Inspirationen und Denkanstöße mit aber letztlich ist eure privilegierte Situation auf 95% aller Familien nicht übertragbar.

    Insgesamt war das Ziel JUNG IN RENTE vielleicht auch deutlich zu ambitioniert weil ein Millionenvermögen mit Anfang/Mitte 40 nur aus deinen Mitteln vielleicht nie erreichbar war.

    Ich würde mich nach 1,5-2 Jahren auf jeden Fall langweilen und vermutlich wieder beruflich durchstarten wollen. Aber die die Tätigkeit selbst muss meinem Anspruch an Work Life Balance gerecht werden. Wenn das bei Unternehmensberatung (denen geht es ja eh nicht so berauschend dank KI Disruption), würde ich definitiv die Branche wechseln.

    1. Jung in Rente

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, Martin.

      In einem Punkt widerspreche ich dir überhaupt nicht: Wir befinden uns in einer sehr privilegierten Situation. Dass ich mir überhaupt Gedanken darüber machen kann, für längere Zeit auf Erwerbseinkommen zu verzichten und Arbeit, Familie, Geld und eigene Projekte neu zu gewichten, ist alles andere als selbstverständlich. Das ist mir sehr bewusst.

      Wo ich dir allerdings widerspreche, ist die Schlussfolgerung, aus der Ich-Perspektive des Artikels eine egoistische Lebensplanung abzuleiten. Der Text ist ganz bewusst ein persönlicher Erfahrungsbericht. Ich schreibe darüber, was ich gerade denke und empfinde. Nicht darüber, was meine Frau oder meine Kinder denken, weil ich für sie öffentlich nicht sprechen möchte.

      Viele deiner Fragen zu unserer Aufteilung von Erwerbsarbeit, Elternzeit, Finanzen oder familiären Freiräumen sind daher durchaus legitim. Einige deiner Schlussfolgerungen beruhen allerdings auf Rahmenbedingungen, die du schlicht nicht kennst. Wie wir diese Dinge innerhalb unserer Familie organisieren, ist eine gemeinsame Entscheidung. Nicht alles davon möchte oder muss ich in einem Blogartikel öffentlich ausbreiten.

      Auch die Vorstellung, Elternzeit sei im Wesentlichen dann sinnvoll, wenn kleine Kinder tagsüber unmittelbar betreut werden müssen, teile ich nicht. Elternschaft reduziert sich für mich nicht auf die Stunden, in denen ein Kind nicht in Kita oder Schule ist. Und eine längere Pause von Erwerbsarbeit bedeutet für mich genauso wenig, „zu Hause zu sitzen“ oder mich intellektuell nicht weiterzuentwickeln.

      Wenn ihr beide gerne Vollzeit arbeitet, euch darüber fordert und eure Work-Life-Balance auf diesem Weg gefunden habt, ist das doch prima. Ich würde daraus nur keinen allgemeingültigen Maßstab ableiten. Andere Familien können bei sehr ähnlichen Voraussetzungen zu völlig anderen Gewichtungen kommen.

      Dass meine Situation für den allergrößten Teil der Familien nicht 1:1 übertragbar ist, stimmt natürlich ebenfalls. Das soll sie aber auch gar nicht sein. Der Artikel ist keine Anleitung nach dem Motto „So solltet ihr leben“. Er beschreibt meine eigene Standortbestimmung mit 40.

      Und auch mein ursprüngliches Ziel „Jung in Rente“ sehe ich heute nicht als gescheitert an, falls ich irgendeine früher einmal errechnete Vermögenssumme zu einem bestimmten Alter nicht erreiche. Das Ziel hat mich jahrelang dazu gebracht, Vermögen aufzubauen und mir genau die Entscheidungsfreiheit zu schaffen, die ich heute nutze. Ein Ziel darf sich unterwegs verändern, ohne dass der Weg dorthin deshalb falsch gewesen sein muss.

      Vielleicht zeigt dein Kommentar am Ende sogar ganz gut, worum es mir mit dem Artikel geht: Wir sind beide 40, verheiratet, haben zwei Kinder und offenbar in vielerlei Hinsicht ähnliche Voraussetzungen. Trotzdem kommen wir bei der Frage, wie wir Arbeit, Familie, Vermögen und freie Zeit gewichten wollen, teilweise zu völlig unterschiedlichen Antworten.

      Und das ist für mich völlig in Ordnung. Beim Rebalancing des eigenen Lebens gibt es schließlich keine für alle richtige Zielallokation. 🙂

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